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Materialien

Aus den diversen Quellen zu mittelalterlicher Kleidung läßt sich entnehmen, daß sowohl tierische Fasern (Wolle, Seide, Tierhaar) als auch pflanzliche Fasern (Leinen/Flachs, Nessel, Hanf, unter bestimmten Umständen auch Baumwolle) verwendet wurden.

Einige Fasern, vor allem Wolle und Seide, sind heute noch ohne größere Probleme erhältlich, können sich im Detail aber von den historisch verwendeten Varianten unterscheiden. Andere Fasern, wie beispielsweise Ziegenhaare oder Nessel- sowie Hanffasern sind oft nur eingeschränkt oder gar nicht verfügbar.

Die Verfügbarkeit der Faser bedeutet allerdings noch nicht die Verfügbarkeit von für eine Rekonstruktion geeigneten Stoffen. Historische Stoffe wurden aus wesentlich stärker gedrehten Garnen hergestellt, als dies heute der Fall ist. Die Folge ist ein wesentlicher Unterschied in vielen Punkten: Moderne Stoffe haben eine optisch ruhigere Oberfläche, einen viel weicheren Griff und eine weniger gute Haltbarkeit. Weiterhin entwickeln historische Stoffe bei Abnutzung eine glänzende Oberfläche, während moderne Stoffe typischerweise matt bleiben.

Daher gilt: Soll der Wollstoff auch das korrekte Griffgefühl oder Tragegefühl vermitteln, müssen höher gedrehte Garne verwendet werden. Die Verarbeitung dieser Garne muß aus technischen Gründen dann durch einen Handweber erfolgen.

Wenn zeitliche oder finanzielle Beschränkungen eine entsprechende Sonderfertigung nicht erlauben, muß auf industriell gefertigte Wollstoffe zurückgegriffen werden. Nicht in allen Fällen ist es jedoch möglich, einen passenden Stoff in Hinblick auf Fadenstärke, Fadenzahl und Webart zu finden.

Auch moderne Seidenstoffe unterscheiden sich fast ausnahmslos sehr stark von den mittelalterlichen Stoffen. Dies ist nicht nur für die gemusterten Stoffe der Fall, sondern auch für einfarbige Gewebe: Moderne Seiden sind typischerweise wesentlich zu weich im Fall. Soll ein bestimmter Stoff repliziert werden, ist eine Auftragsweberei unumgänglich.

Leinenstoffe in entsprechenden Qualitäten, nahe oder entsprechend historischen Vorbildern, sind dagegen meist verfügbar.

Farben

Für historisch korrekte mittelalterliche Kleidungsrekonstruktionen kommen sowohl naturfarbene als auch mit Naturfarbstoffen gefärbte Textilien in Frage. Naturfarbene Wolle kann dabei ein Spektrum von weiß über graue und rötliche Töne bis hin zu dunklem Braun (fast schwarz) abdecken.

Für die Färbung mit Naturfarbstoffen bieten sich eine Vielzahl von Möglichkeiten; dabei sind leuchtende, klare Farben stets als hochwertiger und wertvoller einzustufen als blassere oder weniger strahlende Farben. Typische hochwertige Farbstoffe, die sich durch leuchtende Farbergebnisse bei großer Wasch- und Lichtechtheit auszeichnen, sind Indigo beziehungsweise Waid (Isatis tinctoria) für blau, Färberwau (Reseda luteola) für gelb und Krapp (Rubia tinctoria) für rot. Farbtöne wie beispielsweise Flaschengrün erfordern eine Doppelfärbung. Insektenfarbstoffe wie Cochenille oder Kermes ermöglichen spektakuläre Rottöne und liegen preislich heute wie damals über Krappfärbungen.

Für weniger hochwertige Färbungen können beispielsweise Birkenblätter, Walnußschalen oder zahlreiche andere Pflanzen Verwendung finden, um vor allem Gelb-, Grün- oder Brauntöne zu erzielen. Nicht alle Kombinationen von Farbstoff und Beize ergeben jedoch eine lichtechte Färbung.

Der Färbeprozeß besteht für die meisten Färbungen aus einem Beizvorgang und einem Färbevorgang, die nicht nur große Kompetenz von Seiten des Handwerkers oder der Handwerkerin erfordern, sondern auch arbeitsintensiv sind. Die Materialkosten für die Färbedrogen sind hingegen in den meisten Fällen überschaubar. Fleckfreie Färbungen sind das gewünschte Ergebnis, können aber von Seiten des Färbers nicht garantiert werden. Bei auftragsgewebten Stoffen kann auch das Garn gefärbt werden, um die Fleckgefahr zu reduzieren.

Fertigung

Im Gegensatz zu heutiger Kleidungsherstellung gab es im Mittelalter keine festgelegten Schnittmuster mit gradierten Schnitten, sondern alle Stücke waren Einzelanfertigungen.

Die von mir rekonstruierten Kleidungsstücke beruhen auf erhaltener Kleidung des Mittelalters sowie auf Bildquellen und schriftlichen Quellen. Meine Vorgehensweise bei der Anfertigung ist mit Hilfe von zahlreichen Versuchen rekonstruiert und führt zu Ergebnissen, die den Characteristika von Funden und Abbildungen weitestmöglich entsprechen. Bei dieser Vorgehensweise findet die Anpassung der Kleidung direkt auf dem Körper der zu bekleidenden Person statt. Dies führt zu wesentlich besseren Ergebnissen als die Fertigung rein nach Maßen.

Gerade die Kleidung höherstehender Personen wird in mittelalterlichen Quellen für ihren guten, körpernahen Sitz gepriesen. Während lose sitzende Tuniken beispielsweise für Arbeiter und einfache Bauern in Frage kommen, sollte für die Darstellung reicher und hochstehender Personen auf paßgenaue, körperbetonende Kleidung geachtet werden.

Für die Bekleidung von Puppen oder Figurinen kann die mangelnde Flexibilität beim Ankleiden zu Problemen führen – der menschliche Körper ist erstaunlich weich und formbar im Vergleich zu einer Figur aus festem Material mit eingeschränkter Beweglichkeit der Gelenke (falls diese überhaupt vorhanden sind). Hier gilt umso mehr, daß nur eine direkte Anpassung optimale Ergebnisse ermöglicht.

Schuhe und Accessoires

Zur Vervollständigung einer Ausstattung werden Acessoires wie Schuhe, Gürtel, Taschen, eventuell Kopfbedeckungen, Schmuck und persönliche Gegenstände wie Messer oder ähnliches benötigt. Für entsprechende Ausstattungsgegenstände und Accessoires arbeite ich mit Kollegen zusammen, die ebenfalls höchste Anforderungen an die historische Korrektheit ihrer Materialien und Vorgehensweisen stellen.

Zeitrahmen und Kostenkalkulation

Bei der Rekonstruktion von historischer Kleidung gilt: Je höher die Ansprüche, sowohl was den Status der zu rekonstruierenden Ausstattung als auch die Nähe zur historischen Wirklichkeit angeht, desto länger die Fertigungszeit und desto höher die Kosten. Dabei wird die notwendige Vorlaufzeit und Fertigungszeit erfahrungsgemäß weit unterschätzt, was zwangsläufig zu Problemen und eigentlich vermeidbaren, unerwünschten Abstrichen in der Quellentreue führt.

Der Rekonstruktionsprozeß beginnt mit einer Absprache, um das Ziel der Rekonstruktion genau einzugrenzen. Dann folgt als erster Arbeitsschritt die Entwicklung der eigentlichen Rekonstruktion durch Quellenstudium und Quelleninterpretation.

Steht der Rekonstruktionsentwurf dann fest, müssen Herstellungsmöglichkeiten für einzelne Materialien oder Bestandteile recherchiert werden und die Herstellung mit den entsprechenden Handwerkern abgesprochen werden. Die dafür benötigten Materialien haben unter Umständen eine Lieferzeit von mehreren Wochen bis Monaten. Je nach Auslastung der Handwerker kann sich auch der Fertigungsbeginn für die beauftragten Stücke um einige Wochen verzögern. Die Fertigung selbst muß schließlich ebenfalls eingerechnet werden und liegt bei handwerklicher Fertigung im Normalfall wesentlich über der Zeit, die für moderne Methoden notwendig ist.

Gerade bei Rekonstruktionen auf Grundlage eines bestimmten archäologischen Fundes kann es somit zu langen Laufzeiten kommen.

Für eine Bestellung mittlerer Komplexität (ohne auftragsgewebte Stoffe, keine langen Lieferzeiten für Material, Handwerker nicht stark ausgelastet) ist erfahrungsgemäß mit mindestens vier Monaten Produktionszeit zu rechnen. Die reine Arbeitszeit nur für Zuschnitt und Näharbeit für ein einzelnes handgenähtes Unterkleidungsstück mittlerer Qualität beträgt zwischen 20 und 25 Stunden, bei aufwendiger Oberbekleidung, zum Beispiel mit Schnürungen oder Knopfleisten, kann sich die Arbeitszeit vervielfachen.

Für Projekte, bei denen handgewebte Stoffe verarbeitet werden sollen, sollten für die Materialbeschaffung und Weberei mindestens weitere drei Monate eingeplant werden. Für jede textile Rekonstruktion gilt: Lieber sehr frühzeitig anfragen und mehr zeitlichen Spielraum haben.

Für zeitkritische Projekte besteht die Möglichkeit, auf bereits gefärbte Stoffe aus moderner Produktion zurückzugreifen, die in ihrer Farbgebung nahe an pflanzengefärbte Stoffe herankommen. Besonders für Vitrinenstücke ist es möglich, die Fertigungszeiten durch Weglassen von Versäuberungen und aufwendigen Saumlösungen zu reduzieren.