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Mittelalterliche Spindeln - Tips zum Spinnen

Moderne Handspindeln, wie sie heute üblicherweise erhältlich sind, und mittelalterliche Spindeln unterscheiden sich in einigen Merkmalen. Einer der Hauptunterschiede ist, daß der Spinnwirtel nicht fest am Spindelstab befestigt ist, sondern nur aufgeschoben wird. Dadurch können Spindelstäbe und Wirteln getrennt (und somit platzsparender) aufbewahrt und transportiert werden. Außerdem ermöglicht das System mehr Flexibilität: Ein Wirtel kann mit mehreren Spindelstäben verwendet werden; bei einer teilweise gefüllten Spindel kann ein Wirtel durch einen leichteren Wirtel ersetzt werden. Ein mit Garn bewickelter Spindelstab könnte sogar als Schiffchen am Gewichtswebstuhl verwendet werden.

Wer an moderne Spindeln gewöhnt ist und dann auf mittelalterliche Spindeln umsteigt, hat vielleicht Bedenken, daß sich der nur aufgesteckte Wirtel beim Spinnen löst und herunterfällt. Das kann grundsätzlich zwar passieren, kommt mit der richtigen Technik aber normalerweise nicht vor.

Der Spinnwirtel wird durch Reibung zwischen Wirtel und Stab festgehalten. Damit der Wirtel sicher auf dem Spindelstab sitzen bleibt, müssen nur zwei Dinge beachtet werden - erstens muß der Wirtel fest genug aufgesteckt werden und zweitens darf durch das Garn kein Druck von oben auf den Wirtel wirken.
 
Um den Wirtel sicher aufzustecken, wird er ohne Druck auf den Spindelstab geschoben, bis er "anstößt", weil der Stab an der Kontaktstelle die Bohrung im Wirtel vollständig ausfüllt. Jetzt den Wirtel mit leichtem Druck nach oben ein Stück weit drehen (ein paar Millimeter Drehung reichen normalerweise). Nun sollten Wirtel und Spindelstab ziemlich fest zusammenhalten; mit leichtem Ziehen am Wirtel läßt sich das testen.
 
Ein solcherart aufgesteckter Wirtel sollte während des Spinnvorgangs sicher auf dem Stab sitzenbleiben. Manchmal löst sich der Wirtel, wenn die Spindel herunterfällt und hart auf dem Boden auftrifft. Falls das passieren sollte, einfach den Wirtel wieder wie beschrieben aufstecken und weiterspinnen.
 
Falls der Spinnwirtel sich löst, obwohl die Spindel nicht heruntergefallen ist, kommen zwei Gründe in Frage: Mangelnde Reibung wegen einem abgenutzten Spindelstab oder Druck durch das Garn von oben auf den Wirtel.
 
Wenn Spindelstäbe länger mit dem gleichen Wirtel in Benutzung sind, kann das Holz des Stabes mit der Zeit durch den Wirtel zusammengepreßt werden. Das ist vor allem bei Spindelstäben aus Weichholz (zum Beispiel Kiefer oder Fichte) der Fall. Die komprimierte Stelle ist typischerweise dadurch zu erkennen, daß der Stab eine kleine Kante dort hat, wo der Wirtel normalerweise aufsitzt. Der Stabdurchmesser an der Kante ist zu groß, als daß der Wirtel darübergleiten kann, und der Durchmesser unterhalb der Kante ist zu klein, um genügend Reibung zwischen Holz und Wirtel zu ermöglichen. Dadurch sitzt der Wirtel nicht mehr fest genug und fällt leicht herunter. Dieses Problem läßt sich meistens beheben, indem der Stab für eine Weile in Wasser gelegt wird. Die Holzfasern saugen das Wasser auf und quellen wieder in ihren ungepreßten Zustand zurück. Vor dem Weiterspinnen muß der Stab wieder vollständig trocknen.
 
Meistens fällt der Wirtel jedoch vom Stab, weil das gesponnene Garn ihn nach unten vom Stab schiebt. Einige mittelalterliche Abbildungen von Spindeln sind detailliert genug dargestellt, um das aufgewickelte Garn zu zeigen. Das Garn hat dabei eine recht charakteristische Form, nämlich eine Art Rugby-Ball-Form oder eine spindelförmige Form. Zudem ist das Garn typischerweise auf die Mitte des Spindelstabes gewickelt, mit einem deutlichen Abstand zum Spinnwirtel. (Auf einigen Abbildungen ist kein Wirtel sichtbar, besonders dann nicht, wenn die Spindel schon recht voll bewickelt ist. Das Garn bleibt aber spindel- oder Rugby-Ei-förmig.)

British Library MS Additional 42130, f.60. A woman striking a man with her distaff. Note the very round cop of yarn on the spindle - it is keeping its distance from the whorl.

British Library MS Additional 42130, f.60. Eine Frau schlägt einen Mann mit ihrem Spinnrocken. Die Garnbewicklung auf der Spindel ist deutlich vom Spinnwirtel entfernt und in diesem Fall ungewöhnlich kugelförmig.

Viele moderne Handspinner sind daran gewöhnt, daß der Wirtel fest mit dem Spindelstab verbunden ist, und die typische dazupassende Wickelmethode ergibt einen Kegel, dessen unteres Ende auf dem Wirtel aufsitzt. Diese Wickelmethode übt einen erstaunlich starken Druck auf den Spinnwirtel aus. Wenn eine mittelalterliche Spindel mit aufgestecktem Wirtel in dieser Art bewickelt wird, fällt der Wirtel unter Garantie irgendwann herunter.

Modern-style winding on the left, medieval-style winding on the right. The modern, cone-shaped cop rests against the (permanently fixed) whorl.

Links eine moderne Spindel mit kegelförmiger Bewicklung, rechts eine mittelalterliche Spindel mit entsprechender Bewicklung. Die kegelförmige Bewicklung stützt sich unten am festgeklebten Spinnwirtel ab.

Die entsprechende Technik zur Bewicklung verhindert, daß der Wirtel durch das Garn weggedrückt wird. Dafür muß die Bewicklung in sich stabil genug sein, um ohne einen Gegenhalt in Form zu bleiben. Dies läßt sich leicht erreichen, indem das Garn kreuzweise statt stets parallel aufgewickelt wird. Die Bewicklung sollte außerdem ungefähr in der Mitte des freien Stabes losgehen, um genügend Platz für ein ordentlich großes Garnknäuel auf der Spindel zu haben.

Starting the yarn cop in the middle of the spindle stick leaves lots of space to build it up.

Start der Bewicklung des Spindelstabes, ausreichend weit vom Wirtel entfernt.

Um möglichst viel Garn auf der Spindel unterzubringen, können Parallelwicklung und kreuzweise Wicklung lagenweise abgewechselt werden. So entsteht ein festes, dichtes Knäuel auf der Spindel.

Bewicklung in verschiedenen Lagen auf der Spindel: Oben ist noch die Struktur der kreuzweise gewickelten Lage sichtbar, weiter unten ist die Lage bereits durch parallele Wicklungen überdeckt.

Wenn die Spindel immer voller wird, kommt das untere Ende der Bewicklung irgendwann am Spinnwirtel an. Dann dauert es noch eine Weile, bis das Garn den Wirtel von der Spindel schiebt. Dieser Zeitpunkt läßt sich etwas herausschieben, wenn mehr im oberen Bereich des Knäuels als im unteren Bereich aufgewickelt wird.

The yarn cop has grown so much that it now touches the whorl. Empty weight of the spindle was 35.4 g, so there's about 20 g very finely spun yarn on this spindle.

Das Garn berührt bei dieser Spindel schon den Wirtel, übt aber noch keinen Druck aus. Die Bewicklung könnte nun eher nach oben als nach unten fortgesetzt werden. (Leergewicht der Spindel war 35,4 g, d.h. aufgewickelt sind 20 g sehr feines Garn.)

Wenn der Wirtel schließlich nicht mehr hält, kann man entweder die Spindel als voll beiseitelegen, oder mit einem kleineren Wirtel, der weiter unten auf dem Spindelstab sitzt, weiterspinnen. Auch ganz ohne aufgesteckten Wirtel kann noch weitergesponnen werden - was am besten funktioniert, läßt sich am Besten durch Ausprobieren feststellen.

Viel Spaß beim Spinnen und Aufwickeln!