user_mobilelogo

Das Schlagwort "experimentelle Archäologie" findet sich in den letzten Jahren immer häufiger - auch außerhalb von wissenschaftlichen Publikationen, dabei vor allem in Anleitungsbüchern und im Zusammenhang mit Living History oder Geschichtsdarstellungen.

Nicht überall, wo "experimentelle Archäologie" draufsteht, ist sie aber auch drin. Meistens wird der Begriff auf Vorführungen angewendet - oder auf das, was im englischen Sprachraum als "experiential archaeology", also erlebte Archäologie bezeichnet wird. Der nächstgelegene deutsche Begriff dazu ist Archäotechnik, das ist das Anfertigen von Repliken und Durchführen historischer Handwerkstechniken. Die Übergänge zwischen dem Austesten verschiedener Fertigungsmöglichkeiten, Materialien und Werkzeuge, der Vorführung alter Techniken und der Herstellung von Gegenständen, um diese hinterher zur Verfügung zu haben, sind dabei fließend.

Archäologische Experimente sind dagegen ganz klar definiert. Ein archäologisches Experiment ist stets auf eine konkrete Fragestellung ausgerichtet und wird so entworfen und aufgebaut, daß es eben diese Frage beantworten kann. Dabei muß, wie bei jedem anderen Experiment auch, auf die drei Grundpfeiler des Experiments geachtet werden: Reproduzierbarkeit, Objektivität und Dokumentation. Das bedeutet, daß ein Experiment so gut dokumentiert sein muß und so aufgebaut sein muß, daß es jemand anderes wiederholen kann, zum Beispiel, um das Ergebnis zu überprüfen. Viele der Parameter bei der Archäologie sind dabei nicht gerade hilfreich, zum Beispiel Naturmaterialien (Holz, auch von der gleichen Baumart, ist nicht gleich Holz) oder die Bedeutung der handwerklichen Fähigkeit der Experimentatoren. Daher ist es besonders wichtig, bei der Planung, Durchführung und Dokumentation sorgsam vorzugehen und diese Ungenauigkeiten möglichst klein zu halten.

Somit ist ein archäologisches Experiment eine ganz andere Sache als eine Vorführung oder ein Ausprobieren von alten Techniken. Fast ausnahmslos sind Experimente nicht für die Durchführung mit Publikumsverkehr geeignet, besonders nicht im Zusammenhang mit Geschichtsdarstellung: Spätestens Laptop, Fotoapparat und Meßaufbauten stören dann doch das historische Bild, wenn nicht schon die zu testenden Objekte aus Gründen der Reproduzierbarkeit und wegen der Fragestellung ziemlich von den Originalen abweichen. Soll die Öffentlichkeit tatsächlich Zugang zum Experiment haben, benötigt das Team auf jeden Fall eine Person, die nur für die Erklärung zuständig ist - und die Experimentatoren von Ablenkung beispielsweise durch Fragen abschirmt, denn die müssen sich auf die Durchführung konzentrieren.

Die Planung und Durchführung eines Experiments erfordert zudem auch sehr viel Arbeit, und das nicht nur für die Ausführung großangelegter Experimente. Planung und vor allem Auswertung und Publikation können hier leicht viele hundert Stunden Arbeit bedeuten! Was in Kulturveranstaltungen als "experimentelle Archäologie" ausgegeben wird, ist daher normalerweise "Erlebnisarchäologie".

Ob es sich um ein echtes Experiment handelt, läßt sich prüfen: Gibt es eine klare Fragestellung, um die herum das Experiment aufgebaut ist? (Zum Beispiel: Was ist der Einfluß von verschiedenen Metall-Kesselwänden auf das Färbeergebnis? Was ist der Einfluß eines Langbogenquerschnitts bei gleichem Holz und gleicher Zugkraft auf die Wurfeigenschaften? Lassen sich Abnutzungsspuren an Feuersteingeräten durch bestimmte Schnitt- oder Schabearbeiten an Material X reproduzieren?) Dann muß Planung, Material und Durchführung gut und ausreichend erklärt und dokumentiert werden, damit das Experiment soweit als möglich reproduzierbar ist. Wenn nicht alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist es kein Experiment, sondern irgendwas anderes - Ausprobieren, Erlebnisarchäologie, Museumspädagogik, Vorführung, Geschichtsdarstellung, Erfahrungen sammeln.

Alle diese Dinge, vom Ausprobieren zum Vorführen, sind eigenständige, wichtige Tätigkeiten, und das Sammeln von Erfahrungen und sich vertrautmachen mit Material und Werkzeug sind oft unabdingbare Voraussetzungen für die Planung, Vorbereitung und Durchführung eines archäologischen Experiments. Den Begriff "experimentelle Archäologie" sollte man dafür aber nicht verwenden.