Rekonstruierte Schneidertechnik des Mittelalters
Die moderne Methode, Kleidungsstücke zuzuschneiden und anzufertigen, geht zum großen Teil auf Michael Müller zurück, der Ende des 19. Jahrhunderts sein "Illustrirtes Handbuch der neuesten praktischen und wissenschaftlichen Zuschneide-Kunst zum gründlichen Selbstunterricht für Herren-Kleidermacher "System der Zukunft"" vorstellte. Moderne Schneiderei ist zudem stark von der Nähmaschine geprägt.
Für mittelalterliche Schneiderei kommen weder Nähmaschinen noch moderne, gradierte Papierschnittmuster in Frage - beides stand dem damaligen Schneider, egal ob professionell oder häuslich tätig, nicht zur Verfügung. Wie kam der damalige Schneider ohne einen "Burda-Bogen" oder vergleichbare Schnittmuster also auf den Schnitt des Kleidungsstückes? Und warum ist die Rekonstruktion dieser Vorgehensweisen so interessant für die Nachfertigung der historischen Gewänder?
Bei einer Konservierung oder Restaurierung werden heute die "Schnittmuster" von historischen Gewändern, eigentlich Form und Größe der einzelnen Teile des Kleidungsstückes, abgenommen und genau maßstabsgetreu als Zeichnung festgehalten. Diese Zeichnungen verraten uns, wieviele Stücke in welcher Größe zu dem Gewand verarbeitet wurden, aber die zweidimensionale Zeichnung in der Vorstellung in das dreidimensionale Gewand zu verwandeln, ist kaum möglich. Ein Kleidungsstück erhält seine volle Wirkung und sein endgültiges Aussehen ja nur in Verbindung mit dem Körper, auf dem es getragen wird. Um eine akkurate Vorstellung vom Aussehen eines historischen Kleidungsstückes zu bekommen, müßte es von seinem originalen Träger angezogen werden - und das ist bei Gewändern, die mehrere hundert Jahre alt sind, leider nicht mehr möglich. Zunächst sind die überlieferten Textilien viel zu empfindlich, um einfach so übergezogen zu werden. Aber auch eine exakte Replik des historischen Gewandes hilft nicht viel weiter: Das genaue Aussehen seines ehemaligen Trägers ist uns heute nicht mehr bekannt. Jemanden zu finden, der in Größe und Proportion exakt seinem "Vorgänger" entspricht, ist so gut wie unmöglich - noch ist ja auch nicht klar, wie das Kleid oder die Tunika sitzen soll. Ein genaues Double zum originalen Träger aufzutreiben, ist etwa so wahrscheinlich wie zwei Sechser im Lotto hintereinander.
Mit der einfachen Lösung, das Kleidungsstück wieder tragen zu lassen, läßt sich also nicht herausfinden, wie ein historisches Kleidungsstück im getragenen Zustand genau ausgesehen hat. Damit bleibt noch der Weg durch die Hintertür offen: Die Rekonstruktion des Schneidervorgangs.
Als das Gewand angefertigt wurde, stand dem Schneider kein Schnittmuster in unserem heutigen Sinn zur Verfügung. Irgendwie mußte der Handwerker oder die Handwerkerin also von den Körpermaßen des Kunden ausgehend Form und Größe der einzelnen Stoffzuschnitte ermitteln. Mit dieser Methode entstand dann ein Kleidungsstück, das dem Auftraggeber im Wortsinn "auf den Leib geschneidert" war.
Gelingt es uns heute, die mittelalterliche Schneidertechnik zu rekonstruieren, dann müssen den Gesetzen der Logik folgend die heute nachgeschneiderten Kleidungsstücke ihren modernen Trägern genau so gut passen wie das historische Kleidungsstück seinem historischen Träger. Leider gibt es für uns keine Möglichkeit, sicher zu sein, daß eine rekonstruierte Methode für die Schneiderei genau der damaligen Methode entspricht - beweisen läßt sich in der Experimentellen Archäologie immer nur, daß etwas nicht oder nicht so funktioniert. Wenn mit der rekonstruierten Methode aber Kleidungsstücke angefertigt werden können, die bei ihren modernen Trägern stets gleich sitzen und fallen, die ähnliche Trageeigenschaften aufweisen und die in Aussehen und Details den Quellen zu mittelalterlicher Kleidung entsprechen, haben wir zumindest eine Methode, mit der sich arbeiten läßt. Und die Übereinstimmung zwischen getragenen, nachgenähten Kleidungsstücken und Abbildungen in mittelalterlichen Handschriften - bis hinunter zum Faltenwurf - läßt sich in den beiden folgenden Bildern ablesen.

Vergleich zwischen einem nachgenähten Elisabethkleid und einer Frauenabbildung aus dem Pseudo-Apuleius, 13. Jh., Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vind. 93. (Kotzur, Hans-Jürgen: Hildegard von Bingen 1098-1179. Mainz 1998)

Vergleich zwischen einem Kleid nach dem Fundkomplex aus Herjolfsnæs, Grönland, und einer Frauenabbildung aus der Maciejowski-Bibel, fol. 13v. (Cockerell, Sydney C.: Old Testament Miniatures: A Medieval Picture Book with 283 Paintings From the Creation to the Story of David. New York 1927)
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