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"Welches Wirtelgewicht soll ich denn nehmen?" ist eine Frage, die ich immer wieder höre - und wie bei so vielen Fragen gibt es auch hier keine einfache, einzig richtige Antwort.

Meiner Erfahrung nach sind Spindelgewicht und Wirtelgewicht sehr von persönlichen Vorlieben abhängig. Für Anfänger habe ich gute Erfahrungen mit Wirtelgewichten von 25-35 g gemacht, und das ist daher auch der Gewichtsbereich, der sich in meinen Einsteigersets findet. Es gibt aber immer ein paar Leute, die sich erst mit deutlich leichteren oder deutlich schwereren Wirteln richtig wohl fühlen.

Meine Erfahrung über die Jahre hinweg und die Ergebnisse des Spinnexperiments, das ich 2009 durchführen konnte, zeigen beide, daß das Wirtelgewicht nur eine einzige wirklich sichere Auswirkung auf das Spinnergebnis hat - nämlich eine Art laufende Qualitätskontrolle. Wenn die Spindel 40 g wiegt, ist damit sichergestellt, daß der gesponnene Faden an jeder Stelle mindestens ein Zuggewicht von 40 g aushalten wird (vorausgesetzt natürlich, die Spindel wird nicht aufgesetzt verwendet). Spinner in der Zeit vor der Industrialisierung haben Garne überwiegend für den Webstuhl produziert, und hier ist die Qualität beziehungsweise Haltbarkeit des Fadens unter Last absolut entscheidend. Wenn das Garn beim Spinnen reißt, ist das zwar lästig, aber kein ernsthaftes Problem. Man hebt die Spindel wieder auf, dröselt das abgerissene Ende auf, spinnt wieder an, und der Käse ist gegessen. Wenn das Garn auf dem Webstuhl reißt, ist das eine ganz andere Geschichte und bedeutet wesentlich mehr Ärger und Arbeit, um weitermachen zu können. Das Letzte, was ein Weber möchte, ist daher unzuverlässiges Garn, das leicht reißt. Eine laufende Qualitätskontrolle beim Spinnen, um genau dieses zu vermeiden, ist daher eine hervorragende Sache. Das heißt natürlich nicht, daß auf einer leichteren Spindel hergestelltes Garn nicht auch die Spannung oder das Gewicht halten kann, ohne zu reißen, aber es fehlt in diesem Fall eben die sofortige Rückmeldung.

Ansonsten tut das Spindelgewicht in einem recht großen Rahmen nichts, was das Spinnergebnis ernsthaft beeinflußt - insbesondere nicht, was die Fadendicke angeht. Das passiert überwiegend im Kopf der Spinner selbst. Viele haben so oft gehört, daß man mit einer schweren Spindel immer dicken Faden spinnt, daß es eine Art selbsterfüllende Prophezeiung geworden ist. Viele Anfänger haben auch die Befürchtung, daß die Spindel fällt, wenn das Garn dünner wird. Mein Rat ist, ein Wirtelgewicht (und eine Wirtelform) zu wählen, die sich gut anfühlt und sich gut mit den Fingern in Bewegung versetzen läßt.

Hier kommt die Biomechanik mit ins Spiel. Wenn die Spindel zu schwer oder zu leicht ist, läßt sie sich nicht so angenehm in schnelle Drehung versetzen wie eine Spindel, die im persönlichen "Wohlfühl-Gewichtsbereich" ist. Ein bißchen ist das, wie wenn man einen Ball möglichst weit werfen will. Wenn der Ball sehr leicht ist, funktioniert das erstaunlich schlecht und fühlt sich obendrein noch komisch oder unangenehm an; wenn der Ball zu schwer ist, läßt er sich auch nur schwer werfen. Dazwischen gibt es aber einen Bereich, in dem es gut funktioniert und der Ball weit fliegt, ohne daß es hinterher Probleme mit der Schulter gibt.

Persönlich neige ich dazu, ziemlich schwere Spindeln zu verwenden, auch für die dünnen Garne, die ich üblicherweise herstelle. Ab einem gewissen Füllstand der Spindel habe ich das Gefühl, daß sich die Spindel nicht mehr so schön dreht wie zu Beginn, und an diesem Punkt tausche ich den Wirtel gegen einen kleineren, leichteren Wirtel aus. Für mich bedeutet das die höchstmögliche Effizienz beim Spinnen (und weil ich ein Faible für effizientes Arbeiten habe, auch die höchstmögliche Menge Spaß).

Von der Garnart, die hergestellt werden soll, der individuellen Biomechanik, den persönlichen Gewohnheiten und Vorlieben, dem Spinnstil und der bevorzugten Faser gibt es vermutlich noch mindestens eine gute Handvoll weitere, schlecht faßbare Punkte, die das individuell passende Wirtelgewicht bestimmen. Es gibt also keine feste Regel, welches Wirtelgewicht das richtige ist. Das Gute an der mittelalterlichen Spindel ist hier, daß sich ungefähr alles, was ein passend großes Loch in der Mitte hat, daraufstecken läßt. Wer sich also unsicher ist oder noch nach dem persönlichen Wohlfühl-Gewichtsbereich sucht, kann sich einen Spindelstab schnappen und unterschiedlichste Dinge damit ausprobieren - hölzerne Spielzeugräder, große oder kleine Glasperlen, Steinperlen und Stein-Donuts, Tonwirtel, Tonperlen, Dinge in unterschiedlicher Größe, Form und Dichte. Selbst ein kleiner Apfel könnte als Wirtel herhalten.

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Oder eine Kartoffel, aber nur, wenn es nicht ganz historisch korrekt sein muß! Wenn sich dann herauskristallisiert, was gut funktioniert, kann genau der Wirtel gekauft werden, mit dem es bestens klappt.

Oder die Wirtel, die gut funktionieren. Spinngeräte sind schließlich Herdentiere...